Kapitel 5

5. Marcel Macke

Eugen Balduin Munkelpietz ging immer tiefer in den Wald hinein. Zweimal machte er kurz Rast, um eine Kleinigkeit zu essen. Dann aber am späten Nachmittag wurde der Wald wieder lichter und es dauerte nicht sehr lang und er hatte den Waldrand erreicht. Vor ihm lag nun eine grüne Ebene, die sich so weit erstreckte, wie seine Augen reichten. In der Mitte der Ebene, aber noch in weiter Entfernung erkannte er ein kleines Dorf.

,,Hm, das bedeutet mindestens noch zwei Stunden Fußmarsch, wenn ich das Dorf heute Abend noch erreichen will,“ sprach der Wichtel mit sich selbst. Eine Taube kam zu ihm herübergeflogen und setzte sich auf den Ast einer Birke, die ganz in seiner Nähe stand. Das Täubchen sah den Wichtel an und gurrte: ,,Ach, was bist du denn für ein komischer, kleiner Kerl. Dich habe ich hier ja noch nie gesehen!“

Der Wichtel hatte das Täubchen verstanden und war sehr erfreut. Endlich hatte er jemanden gefunden, mit dem er einen kleinen Plausch halten konnte. ,,Guten Tag liebe Taube. Mein Name ist Munkelpietz. Eugen Balduin Munkelpietz, mit Verlaub! Könntest du mir vielleicht sagen, wie das Dorf dort in der Ferne heißt und weißt du auch ob dort ein Müller, namens Macke wohnt?“ Die Taube flatterte erschrocken auf. ,,Wieso sprichst du die Sprache der Tiere?“

,,Ach erschreck dich nicht, liebes Täubchen. Ich komme aus dem Teufelswald und bin ein Wichtelmännchen. Alle Zwerge und Wichtel die je im Teufelswald gelebt haben, sind der Sprache der Tiere kundig. Aber nun bin ich der letzte von ihnen, der noch im Teufelswald lebt!“

Das Täubchen hatte sich wieder beruhigt und war auf den Ast der Birke zurückgekehrt. ,,Das ist ja eine wundersame Geschichte, die du da erzählst. Übrigens ich heiße Melisande. Ach ja, das Dorf dort in der Ferne heißt Thuine und dort gibt es tatsächlich einen Müller, der Macke heißt!“

,,Na, das ist ja wunderbar!“ Der Wichtel klatschte sich begeistert in die Hände. Die Taube begann zu gurren und flog hoch in die Lüfte. ,,Ich muss jetzt weiter, es war nett dich kennen gelernt zu haben!“

Eugen Balduin Munkelpietz, der kleine Wichtel winkte ihr nach und machte sich dann wieder auf den Weg. Eine Stunde später wurde es bereits dunkel und der Weg war immer noch weit. Aber trotzdem zog es ihn weiter zu dem Dorf hin und ein paar hell erleuchtete Fenster wiesen ihm den Weg.

Kurz nachdem eine Kirchturmuhr elf Uhr Abends geschlagen hatte, erreichte er den Rand des Dorfes. Alles war ruhig und still, nur das Bellen zweier Hunde, die sich wahrscheinlich um einen alten Knochen balgten war zu hören. Der Wichtel schlich langsam weiter, immer auf der Hut nicht entdeckt zu werden. In der Mitte des Dorfes befand sich ein Marktplatz, auf dem sich ein Brunnen befand. Dort machte der Wichtel eine kurze Rast um einen kühlen Schluck Wasser zu trinken. Aber für einen Moment war er nun unvorsichtig gewesen und hatte nicht bemerkt, wie ein alter Mann mit Schäferhut und einer großen Laterne in der linken Hand haltend hinter ihn getreten war.

,,Hört ihr Leute lasst euch sagen,
die Kirchturmuhr wird halb zwölf gleich schlagen.
Leute es ist fast schon Mitternacht,
schlaft recht friedlich und ganz sacht.“

Es war wohl der Nachtwächter, der nun dicht hinter dem Wichtel stand. Aber zu dessen Erstaunen übersah er den Wichtel als wäre er gar nicht vorhanden. ,,Ich muss wohl noch immer unsichtbar sein, jedenfalls für die Menschen. Wie hat Grimmbart doch gesagt, der Elfenstaub macht für einen Tag unsichtbar,“ ging es ihm durch den kleinen Wichtelkopf.

,,Aber warum konnten ihn dann die Tiere, oder zumindestens Melisande, die Taube sehen?“ Er wusste keine Antwort.

Der Nachtwächter war inzwischen weitergegangen und der Platz um den Brunnen, lag wieder still und friedlich da. Der kleine Wichtel atmete noch einmal kräftig durch und dann machte er sich wieder auf den Weg. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis er die Mühle des Müllers Macke gefunden hatte. Es handelte sich bei der Mühle, um eine Mühle, die mit Wasserkraft betrieben wurde. Sie lag recht idyllisch an einem kleinen, aber doch wild dahinfließenden Bach, ein Stück außerhalb des Dorfes. Eugen Balduin Munkelpietz setzte sich auf eine Holzbank, die vor der Mühle stand. Er war nun doch ziemlich müde geworden und konnte die Anstrengungen des Tages spüren.

,,Ich werde jetzt noch schnell die Silbermünzen und die anderen gestohlenen Sachen zurück in die Mühle schaffen und dann suche ich mir ein nettes Plätzchen zum Schlafen,“ flüsterte er leise. Inzwischen war der Mond, der ihm bislang ausreichendes Licht gespendet hatte, hinter dichten Wolken verschwunden und es war stockduster geworden. Aber das war dem Wichtelmännchen letztendlich egal, denn es hatte das Ziel seiner Suche ja nun gefunden. Die Tür zum Inneren der Mühle war nicht verschlossen. Mit einem Satz sprang der Wichtel an der Türklinke hoch und drückte diese herunter. Die Tür öffnete sich und er schlich zur Tür herein und befand sich in einem dunklen Raum. Langsam tastete sich der Wichtel vor, um sich ein Bild davon zu machen, wo er sich nun befand. Dabei stieß er mit den Füßen gegen einen Blecheimer, der sogleich einen scheppernden Laut von sich gab.

,,Oh, hoffentlich hat mich niemand gehört,“ entfuhr es dem erschrockenen Wichtel . Er lauschte aber nichts rührte sich. Dann kramte er in seinen Taschen und fand die Zündholzschachtel, die er den Räubern abgenommen hatte. Er suchte weiter und fand auch noch einen alten Kerzenstummel aus Bienenwachs. ,,So nun werde ich gleich Licht haben!“

Er steckte den Kerzenstummel mit einem Zündholz an und kurz darauf erhellte ein fahles Licht den vormals dunklen Raum. Es schien so als stünde er in der Küche der Mühle. In einer Ecke stand ein großer Holzofen, über dem einige Pfannen und Töpfe hingen. Unter der Decke hing auch ein großer Schinken. Dem Wichtelmännchen lief bei dessen Anblick das Wasser im Mund zusammen, doch er hielt sich zurück. Er ging weiter zur Mitte des Raumes. Hier stand ein Holztisch, umrahmt von vier ziemlich schäbig dreinschauenden Stühlen.

,,Ich werde die Sachen einfach auf den Tisch legen. Dann wird sie der Müller in der Frühe sofort entdecken,“ sprach er wieder zu sich selbst. Er kletterte auf einen der Stühle und von dort aus weiter auf den Küchentisch. Auf dem Tisch befand sich eine Tischdecke aus weißem Leinen und das Geschirr vom Abendbrot des Müllers stand ebenfalls noch auf dem Tisch. Eugen Balduin Munkelpietz legte den Beutel mit den Silberstücken auf einen der Teller und auch das Schmuckkästchen und die beiden Taschenuhren vergaß er nicht.

,,So, sagte er voller Freude. Jetzt hat der Müller sein Eigentum wieder und ich kann mich von dannen machen!“

Er wollte von Tisch auf den Stuhl heruntersteigen, aber dabei entglitt ihm der Kerzenstummel, den er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte. Dadurch verlor er das Gleichgewicht und stürzte vom Küchentisch. In seiner Not versuchte er sich mit letzter Kraft an der Tischdecke festzuhalten, aber es war zu spät. Mit einem gewaltigen Knall krachte er zu Boden und die Tischdecke und alles was sich auf ihr befunden hatte, verteilte sich über ihn.

Nun ging alles blitzschnell. Der Wichtel hörte wie sich eine Tür öffnete und wie jemand eine Treppe hinuntergelaufen kam. Eine weitere Tür wurde aufgerissen und er vernahm eine aufgebrachte Stimme. ,,Ach welche Bescherung, das werden doch wohl nicht  schon wieder die Räüber gewesen sein!“ Dann nahm jemand die Tischdecke hoch, die immer noch über dem Wichtel lag und er war entdeckt. ,,Oh Gott, ein Wichtelmännchen!“

Im ersten Moment war Eugen Balduin Munkelpietz erstaunt. Die Frau, die nun über ihm stand und ihm eine hellbrennende Laterne ins Gesicht hielt, konnte ihn sehen. Er war also nicht mehr unsichtbar, dann jedoch fiel ihm ein, dass der Elfenzauber ja nur einen Tag wirkte und das er jetzt vermutlich vorbei war. Die Frau sah ihn immer noch äußerst erstaunt an und zitterte am ganzen Leib.

,,Darf ich mich Ihnen vorstellen? Mein Name ist Eugen Balduin Munkelpietz, ich bin ein Wichtelmännchen. Ich habe die Sachen zurückgebracht, die der Räuber Brummelbatz ihnen gestohlen hat.“

Die Frau verstand ihn nicht sofort, aber dann reichte ihr der Wichtel den Beutel mit den Silberstücken. Plötzlich leuchteten ihre Augen voller Freude. Sie nahm den Wichtel hoch und drückte ihm einen dicken Kuss auf das freudenstrahlende Wichtelgesicht.

,,Ach, das ist ja wunderbar. Jetzt muss der Gutsherr meinen Mann wieder freilassen und ich kann endlich für die Kinder etwas zu essen kaufen!“  Sie holte etwas Brot für den Wichtel und erzählte ihm ihre Geschichte. Ihr Mann ein äußerst rechtschaffener und frommer Müller, habe eben diese Silberstücke gespart um damit die jährliche Pacht beim Gutsherrn zahlen zu können, dann aber habe jemand das Geld gestohlen! Ihr Gatte habe dies dem Gutsherrn mitgeteilt und ihm sein Bedauern darüber ausgesprochen, dass er nun die Pacht nicht sofort zahlen könne. Aber der Gutsherr habe ihrem Gatten nicht geglaubt. Im Gegenteil er beschuldigte ihn sogar die Pacht unterschlagen zu wollen und ließ ihn ins Verließ werfen. Drei Tage säße ihr Gatte nun schon in Haft und wäre furchtbar verzweifelt. Der Gutsherr habe außerdem das ganze Korn und Mehl an sich genommen und jetzt müsse ihre Familie Hunger leiden. Nur ein wenig Brot hatte sie retten können, als eiserne Notreserve. Ihr kleiner Sohn, der Marcel wäre von der ganzen Sache schon krank geworden. Aber jetzt würde ja alles wieder gut werden.

Sie dankte dem Wichtel noch einmal ganz herzlich und dann räumten sie gemeinsam die Küche auf. ,,Wenn du möchtest, dann kannst du gern eine Weile hier bleiben. Wir würden uns sehr freuen und es wäre uns wahrlich eine Ehre!“

Sie zeigte dem Wichtel eine kleine Kammer in der ein großes Bett stand und wünschte ihm eine gute Nacht. Eugen Balduin Munkelpietz gähnte noch einmal herzhaft und dann begab er sich zu Bett. Am nächsten Morgen stand er früh auf. Auch des Müllers Frau war schon auf den Beinen.

,,Leider kann ich dir kein besonders gutes Frühstück anbieten. Außer etwas Tee und einem halben, trockenem Brot, habe ich nichts mehr im Hause. Aber nachher werde ich einkaufen gehen. Vorher will ich aber dem Gutsherrn noch die ausstehenden Gelder zahlen, damit er meinen Mann freilässt.“

,,Macht euch über das Frühstück keine Gedanken,“ antwortete der Wichtel. Er sah zum Ofen hin und bemerkte das es sich bei der Sache, die er in der Nacht für einen Schinken gehalten hatte nur um eine große Schweinsblase handelte. ,,Ich habe in meiner Provianttasche noch allerlei Köstliches, das ich gern mit euch und euren Kindern teile!“

Später saßen sie dann beim Frühstück und ließen es sich schmecken. Es gab Honig, Marmelade, süße Plätzchen und Kuchen und alle waren zufrieden. Die Kinder hatten den Wichtel zuerst sehr ängstlich angesehen. Das Männchen, das kaum größer als einen dreiviertel Meter war, wirkte doch äußerst seltsam. Aber dann war ihre Neugier doch größer geworden, als all ihre Ängste und sie hatten ihn viele Dinge gefragt. Er hatte ihnen auch den Unterschied zwischen Zwergen und Wichtelmännchen erklärt. Plötzlich fanden die Kinder den Wichtel überhaupt nicht mehr sonderbar.

Auch der Wichtel hatte die beiden Kinder sogleich in sein Herz geschlossen. Das jüngere, ein Mädchen mit schwarzen, langen Haaren war vier Jahre alt und hieß Kristin. Das ältere Kind, ein blondhaariger Junge, war sechs Jahre alt und hieß Marcel. Aber alle nannten ihn nur den Mercel. Er sah krank und bleich aus und hustete immer wieder.

Die Müllerfrau sah den Jungen sorgenvoll an. ,,Du hast schon wieder Fieber, Marcel! Du gehst gleich wieder ins Bett, hast du mich gehört?“ Der Junge nickte. ,,Ja Mutter, mich friert auch schon wieder ganz schrecklich. Aber wenn Vater kommt, dann stehe ich wieder auf.“

Nach dem Frühstück spielte der Wichtel ein wenig mit der kleinen Kristin. Die Frau des Müllers war inzwischen aufgebrochen um dem Gutsherrn das Geld zu bringen. Marcel verlangte mehrmals nach einem Glas Wasser und Eugen Balduin Munkelpietz brachte es ihm. Er fühlte den Kopf des Kleinen, das Fieber schien gestiegen zu sein. Am Nachmittag kehrte des Müllers Frau zurück. Sie weinte bitterlich und war kaum zu beruhigen.

,,Dieser Schuft von Gutsherr, rief sie unter Tränen. Er hat das Geld genommen und dann gesagt der Pachtvertrag für die Mühle würde aufgelöst werden, weil wir nicht pünktlich gezahlt hätten. Und mein Mann müsse noch einen Monat im Verlies bleiben, zur Strafe. Oh, was soll jetzt nur werden, was sollen wir nur machen?“ Aber auch das Wichtelmännchen wusste keinen Rat.

Das Fieber des kleinen Marcel war in der Zwischenzeit noch weiter gestiegen und das beunruhigte die Frau des Müllers umso mehr. ,,Ich werde den Doktor holen, so kann es nicht weitergehen!“

Sie ging wieder fort und der Wichtel blieb mit den Kindern zurück. Gemeinsam mit der kleinen Kristin saß er am Bett des Jungen, der von Fieberkrämpfen geschüttelt wurde.

,,Wird er bald wieder gesund?“ fragte Kristin den Wichtel und sah ihn mit großen Kinderaugen an. Der Wichtel schwieg. Er wusste keine Antwort. Die Müllerin kam abermals zurück und war sehr niedergeschlagen. ,,Der Doktor will nicht kommen, er sagt wir hätten die letzte Rechnung noch nicht bezahlt!“

Mit einem Mal spürte Eugen Balduin Munkelpietz, wie er wütend wurde. Wütender als jemals zuvor in seinem Wichtelleben. ,,Ein Gutsherr, oder eher Menschenschinder, der seine Pächter so unmenschlich behandelte. Ein Doktor dem Geld wichtiger zu sein scheint, als das Wohl eines kranken Kindes. Nein das darf nicht sein, was für niederträchtige Menschen gibt es doch nur!“ Wütend stapfte er mit den Füßen auf den Boden.

,,Ich werde euch helfen, gute Frau. Ich bin zwar kein Doktor, aber wir Wichtel kennen eine ganze Menge von Heilpflanzen. Vielleicht kann ich einen Sud kochen, der dem Jungen helfen wird!“ Er erinnerte sich an einige Rezepturen, die ihm bei Husten, Fieber und Erkältungen deutliche Linderung gebracht hatten. ,,Ich brauche Thymian, Brennnesselblätter, Holunderblüten, Malve, Lindenblüten, Schafsgarbe, Kamille, Bienenhonig und Vogelbeeren!“

Des Müllers Frau sah ihn an, sie glaubte nicht so recht daran, dass der Wichtel ihrem Jungen helfen konnte. Aber schaden würde ihm die Medizin des Wichtels sicher auch nicht. ,,Kamille, Holunderblüten und Thymian habe ich im Hause. Aber wo nehmen wir die anderen Sachen her?“

Der Wichtel ging in die kleine Kammer, in der er in der vergangenen Nacht geschlafen hatte und kam bald darauf zurück.,,Ich habe noch getrocknete Vogelbeeren und Schafsgarbe in meinem Rucksack gehabt!“

,,Und auf dem Küchentisch steht noch ein kleines Glas mit Bienenhonig,“ mischte sich nun auch die kleine Kristin in das Gespräch ein.Der Wichtel hatte seine Zipfelmütze vom Kopf genommen, was er eigentlich sehr selten tat. ,,Dann fehlt uns jetzt nur noch die Malve, die Lindenblüten und ein paar Brennesselblätter,“ sagte die Müllerin.

,,Ich werde mich gleich auf die Suche begeben,“ bot sich der Wichtel an.,,Nein, lass mich lieber gehen, kleiner Wichtelmann. Man könnte dich entdecken und dann würde es nur einen Aufruhr geben. Außerdem kenne ich mich hier in der Gegend viel besser aus.“

Der Wichtel nickte. Die Müllerin hatte sicher recht. Sie zog ihren Mantel an und verließ zum dritten Mal an diesem Tag das Haus. ,,Ich bin bald wieder da!“

Der Wichtel setzte inzwischen einen Kessel mit Wasser auf dem Ofen auf und schürte das Feuer, damit große Hitze entstand. Dann wartete er darauf, dass das Wasser köchelte. Später fügte der die Vogelbeeren, die Schafsgarbe und den Thymian hinzu. ,,So das muss jetzt eine Stunde durchziehen,“ sagte er zu Kristin, die ihn neugierig beobachtet hatte.

Der kleine Marcel wimmerte im Schlaf. Das Fieber war noch ein wenig gestiegen und er bekam sehr schlecht Luft. Der Wichtel breitete eine Decke aus Schafswolle über das bereits dickvermummte Kind und hoffte das diese ihm zusätzliche Wärme spendete. Außerdem kühlte er die Stirn des Knaben immer wieder mit einem kalten, nassen Lappen.
Es war schon Abend geworden, als die Müllerin zurückkehrte. Malve hatte sie bei einer Nachbarin bekommen. Auch Brennesselblätter hatte sie sehr schnell gefunden. Aber nach den Lindenblüten musste sie eine ganze Weile suchen. Der Wichtel gab nun die restlichen Zutaten in den Kessel, der immer noch auf dem Ofen stand. Er rührte den Inhalt immer wieder mit einem großen, hölzernen Löffel durch. Nach einer weiteren Stunde war alles gut durchgezogen und ein bräunlicher, wohlduftender Sud war entstanden. Zum Schluss wurde der Sud durch ein Sieb gegossen. ,,Fertig, das wird ihm bestimmt helfen,“ rief er Wichtel nachdem er gekostet hatte.

Er füllte etwas von der heilenden Mixtur in einen Becher und reichte ihn der Müllerin. ,,So, das musst du deinem Sohn nun geben, es wird ihm helfen!“ Des Müllers Frau nickte und ging mit dem Becher an das Bett ihres Sohnes. Er war wach und sah sie mit traurigen Augen an. Sein Leib zitterte unter den Decken, die ihn wärmen sollten. ,,Hier mein Junge, trink das!“ Sie flößte dem Jungen die Medizin ein, aber Marcel wollte sie wieder ausspucken. Aber nach mehrmaligem guten Zureden schluckte er sie doch hinunter. Der Wichtel war nun hinter die Müllerin getreten. ,,Jetzt können wir nur noch warten! Aber normalerweise wird das Fieber heruntergehen und in spätestens drei Tagen geht es ihm besser.“

Der Wichtel kletterte auf das Bett des Jungen und fühlte ihm die Stirn. Marcel hustete ganz fürchterlich. ,,Erzähl mir bitte eine Geschichte,“ bat er den Wichtel. Der Wichtel überlegte kurz, aber eine Geschichte fiel ihm nicht ein. Er schüttelte den Kopf. „Eine Geschichte kenne ich nicht, aber als Kind lehrte mich eine Zwergenfrau ein Gedicht. Das kenne ich noch sehr gut. Möchtest du es hören?“

Der Junge nickte. ,,Ja erzähle!“ Eugen Balduin Munkelpietz räusperte sich und dann begann er:

Husch, husch mein Kind,
flüstert leise der Wind,
durch die Wiesen und Felder
über Äcker und Wälder.
Geh still nun zur Ruh,
mach die Äugelein zu.

Der Sandmann im Himmel,
reitet auf seinem Schimmel,
durch die himmlischen Räume
und bringt dir die Träume,
in friedlicher Nacht,
ganz süß und ganz sacht.

So träum von den Zwergen,
von silbernen Bergen.
Wo die Engelein sitzen
und Spielsachen schnitzen
mit Händen ganz klein,
in des Mondes Schein.

Und träum von den Teichen
im Schatten der Eichen,
denn dort tanzen die Elfen,
die immer dann helfen,
wenn dein Herz ist bedroht,
von Angst und von Not.

Träum auch von den Riesen,
die immer dann niesen,
wenn sie Sternelein putzen
zum göttlichen Nutzen.
Denn aus prächtigem Gold,
sind die Sterne gar hold.

So und nun gute Nacht,
schlafe selig und sacht,
denn nun ist es ganz still
und wenn Gott es wohl will,
scheint dir Morgen die Sonne,
mit all ihrer Wonne.

Als der Wichtel die letzte Zeile des Gedichts beendet hatte bemerkte er, das der Junge eingeschlafen war. ,,Das war ein wunderschönes Gedicht. Es hat mir ausgezeichnet gefallen!“ Die Müllerin strich dem Wichtel über die Wange und er wurde ganz rot. „Du bist ein wahrer Segen für uns.“

,,Ich dachte ich hätte dieses Gedicht schon längst vergessen!“

Die Müllerin fühlte noch einmal die Stirn ihres Sohnes. Das Fieber war immer noch sehr hoch, aber Marcel atmete schon wesentlich ruhiger.
Der Wichtel gähnte herzhaft. ,,Ich glaube wir sollten nun alle zu Bett gehen, es war ein langer Tag heute.“

Das taten sie dann auch. Am nächsten Morgen ging es dem Jungen schon ein wenig besser. Das Fieber war dank der heilenden Medizin des Wichtelmännchens gesunken. Die Müllerin wollte es kaum glauben, so gut hatte das Gebräu gewirkt. Nun saß Eugen Balduin Munkelpietz am Bett des kleinen Marcel und die beiden sprachen angeregt miteinander. Der Junge brannte förmlich darauf, alles über die Zwerge, Wichtel und den Teufelswald zu erfahren. Eugen Balduin Munkelpietz gab ihm bereitwillig über alles Auskunft. Nie hätte er vermutet, dass ein Sechsjähriger so wissbegierig sein konnte. Dann aber lenkte Marcel das Gespräch auf seinen Vater.

,,Warum lässt der Gutsherr meinen Vater nicht frei und warum will er uns die Mühle wegnehmen, wo Mutter ihm doch jetzt alle Schulden bezahlt hat?“ Der Wichtel zuckte mit den Schultern, aber in der Nacht war ihm etwas eingefallen, wie er den Gutsherrn vielleicht doch noch umstimmen konnte. Er weihte den Jungen in seine Gedanken ein und beide mussten mehrmals laut kichern. Auch dem Doktor, der den Jungen nicht hatte behandeln wollen, sollte seine Lektion lernen.

© Hansjürgen Katzer, 1997







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