Kapitel 19

19. Flucht zu den Elfen

Bis in die Nacht waren Knollennase, Munkelpietz und Emil Bartenbiel marschiert, dann waren sie mit ihren Kräften am Ende. Immer wieder hatten sie sich umgeschaut, ob Gork mit den Trollen ihnen folgte. Aber sie konnten nichts entdecken. Nun warfen sie sich hungrig und müde zu Boden. Die Nacht war kalt und Nebel zog auf. Sie froren entsetzlich und hatten keine Möglichkeit, sich ein wärmeres Plätzchen zu suchen. Dicht aneinander gedrängt versuchten sie sich gegenseitig ein wenig zu wärmen, aber das gelang nur halbwegs. So fanden sie in dieser Nacht keinen Schlaf und brachen am nächsten Morgen wieder in aller Frühe auf.

Nach einer Stunde gelangten sie an einen Rübenacker und machten sich hungrig über die Rüben her, die dort wuchsen. Sie schmeckten nicht besonders, aber sie dämpften das Hungergefühl ein wenig, das alle drei nun immer stärker verspürten. Einige schwarze Vögel waren am Himmel zu sehen und Knollennase befürchtete schon, daß es sich um Gork handelte, der sie nun wieder entdeckt hatte. Aber es waren nur ein paar Nebelkrähen, die nach Futter Ausschau hielten. Schließlich gingen sie weiter und bald darauf fing es an zu regnen. Unter einer einsam stehenden, großen Fichte, suchten sie Unterschlupf, aber als der Regen nach einer Stunde immer noch nicht aufgehört hatte, beschlossen sie weiter zu gehen. Pitschnass waren sie in der Zwischenzeit geworden und hatten keinen trockenen Fetzen mehr auf dem Leib. Dann am späten Nachmittag sahen sie in der Ferne einen alten Bauernhof, und sie machten sich auf den Weg dorthin, um um Einlass zu bitten.

,,Vielleicht gibt es dort eine warme Mahlzeit und man lässt uns im Stroh schlafen,“ sagte Knollennase, dem die Regentropfen nur so über das Zwergengesicht rannen.

Eine halbe Stunde später standen sie vor dem Gehöft. Ein alter Mann kam aus dem Kuhstall und musterte sie mit scharfem Blick.

,,Was wollt ihr denn hier?“ fragte er mit tiefer Stimme und einem fast zahnlosem Mund.

,,Wir wollten nur fragen, ob wir heute Nacht bei ihnen im Stroh schlafen dürfen, weil es ja gar so furchtbar regnet,“ antwortete Emil Bartenbiel.

,,Sinaida, komm mal raus!“ rief der alte Bauer nun und eine ebenso alte Frau kam aus dem Haus.

Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen und kam langsam näher.

,,Die drei wollen in unserem Stroh schlafen!“ sagte der Alte zu ihr.

,,Ihr seid Zwerge, nicht wahr!“ rief die alte Frau aus und streckte ihnen ihre alte, runzelige Hand entgegen.
Knollennase und Emil Bartenbiel nickten, aber Eugen Balduin Munkelpietz schüttelte entrüstet den Kopf.

,,Nein, ich bin ein Wichtelmännchen!“

Die alte Frau bat sie nun, mit ihr in das Haus zu kommen.

,,Wir haben zwar nicht viel, sagte sie. Aber für einen Teller Hafergrütze und ein Glas Milch sollte es wohl noch reichen!“

Später saß man dann um den Tisch des alten Bauern versammelt und aß Hafergrütze, welche die Bäuerin gekocht hatte. Die Bäuerin klagte den Zwergen und dem Wichtel nun ihr ganzes Leid. Ihre beiden Söhne, so sagte sie, seien vor vielen Jahren aus dem Haus gegangen um sich in der Welt umzuschauen, und sie seien nie wieder zurückgekehrt. Das habe ihr fast das Herz gebrochen. Nun seien sie und ihr Mann alt geworden und hatten niemanden mehr, der ihnen bei ihrer schweren Arbeit half. Fünf Schweine, eine Kuh, einen alten, lahmen Gaul und ein paar Hühner, das waren die einzigen Dinge, die ihnen noch geblieben waren.

Emil Bartenbiel versuchte ihr ein wenig Trost zuzusprechen, aber sie seufzte nur.

,,Wo wollt ihr denn eigentlich hin,“ fragte nun der Bauer.

,,Wir sind auf dem Weg ins Reich der Elfen, dort wollen wir die Elfenkönigin Aladria aufsuchen, um um ihren Schutz zu bitten,“ antwortete Knollennase.

Die alte Bäuerin schlug abermals die Hände über dem Kopf zusammen.

,,Zur Elfenkönigin wollt Ihr? Aber wisst ihr denn nicht, daß von dort seit Jahren niemand mehr zurückgekehrt ist. Seit den Tagen, als ihr jemand einen Beutel mit Elfenstaub gestohlen hat, ist sie auf niemanden mehr gut zu sprechen und lässt alle Eindringlinge, die ihr Reich betreten gefangen nehmen und verzaubert sie dann.“

Knollennase und Munkelpietz sahen sich an und waren sehr erschrocken.

Später als sie dann im warmen Stroh lagen redeten sie lange miteinander und weihten auch Emil Bartenbiel in ihr Geheimnis, den Elfenstaub betreffend ein.

,,Ich kann doch nichts dafür, sagte Eugen Balduin Munkelpietz immer wieder. Grimmbart der Dachs hat ihn mir gegeben, als ich damals zu meiner Reise aufbrach.“

„Er hat mir erzählt, das Gork ihn Aladria einst gestohlen hat!“

,,Wie oft hast du ihn benutzt,“ wollte Emil Bartenbiel nun wissen.

Der Wichtel überlegte.
,,Also, sagte er. Das erste mal habe ich ihn benutzt, als ich dem Räuber Brummelbatz das Handwerk gelegt habe. Dann wieder, als ich dem Müller Macke half. In der großen Stadt am Meer, habe ich ihn auch verwendet, als ich den Bäcker Dornbeitel aufsuchte. Und, ach ja, als ich Pia Pattlich bei ihrer Hexenprüfung half, da habe ich ihn auch benutzt.“

Der Wichtel war nun fast den Tränen nahe.

Knollennase beruhigte ihn.

,,Du hast mit dem Elfenstaub nur gute Dinge getan. Die Elfenkönigin wird dir bestimmt verzeihen und schließlich bringst du ihr ja nun den Rest ihres Elfenstaubes zurück!“

,,Ich hoffe, du hast recht!“ seufzte Munkelpietz und putzte sich die Nase.

Dann legten sie sich schlafen und wachten erst am nächsten Morgen wieder auf.
Die Bäuerin hatte ihnen ein paar Spiegeleier zum Frühstück gebraten, die sie mit wahrem Heißhunger verspeisten. Später als sie sich verabschiedeten reichte Munkelpietz der alten Frau, seinen Beutel mit den Silberstücken, den er einst dem bösen Gutsherrn abgenommen hatte. Es waren noch an die hundert Silberstücke übrig.

,,Hier gute Frau, sagte er. Dieses Geschenk, soll Lohn für euere guten Taten sein. Dahin, wo ich nun gehe, kann ich sowieso nichts mehr damit anfangen!“

Die alte Frau war nun überglücklich und dankte dem Wichtel viele Male und winkte ihnen noch lange nach, als sie den Hof verließen.

,,Das war sehr edel von dir!“ flüsterte Knollennase dem Wichtel ins Ohr und legte dann seinen Arm um ihn.

Gork hatte in Gestalt des schwarzen Raben, die ganze Nacht nach ihnen gesucht, aber er hatte sie nirgends entdecken können. Nun saß er wieder mürrisch vor seiner Glaskugel. Sie war zwar immer noch ein wenig trübe, aber er konnte die Schatten der Zwerge und des Wichtel undeutlich erkennen. Mit finsterem Blick stellte er fest, daß sie sich auf das Elfenreich zu bewegten. Würden sie es erreichen, dann wären sie ihm für immer entronnen, denn über das Elfenreich, hatte er keine Macht und er fürchtete sich sehr vor dem Zorn der Elfenkönigin Aladria. Schnell ließ er die Anführer der Trolle zu sich in das Zaubererzelt kommen und wies sie an, sich in Wölfe zu verwandeln, damit sie ihnen nachjagten. Die Chance war zwar nicht groß, aber vielleicht gelang es ihnen doch, die verhassten Zwerge und den Wichtel noch vor dem großen Wald, der die Grenze zum Elfenreich markierte einzuholen.

,,Beeilt euch, seid schnell wie der Wind!“ rief er ihnen nach.

Inzwischen war es wieder Mittag geworden, Knollennase war erschöpft und so machten sie eine Pause. In der Ferne, konnten sie schon den großen Wald sehen, den sie durchqueren mussten um in das Elfenreich zu gelangen.

Plötzlich hörten sie wohl vertraute Schreie.

,,Iiiaaaah, Iiiiiiaaah, Iiiaaah!“

Munkelpietz hatte sich nun erhoben und sah Schnellläufer, der sich auf sie zu bewegte. Es dauerte eine ganze Weile bis er sie erreicht hatte.

,, iiahhh, Iiaaah, flüchtet, Gork und die Trolle sind dicht hinter euch!“

Munkelpietz war nun ganz käsig im Gesicht geworden. Er erzählte den beiden Freunden was ihm der Esel berichtet hatte. Geschwind waren Knollennase und Bartenbiel nun aufgesprungen und blickten angsterfüllt in die Richtung, aus der Schnellläufer gekommen war. Schon konnte man ein mächtiges Jaulen und Heulen hören und dann sahen sie ein Meer von blutrünstigen Wölfen auf sich zukommen, aus deren Schnauzen, weißer Speichel tropfte. Sie rannten in Richtung des Waldes, aber die Wölfe kamen immer näher.

,,Iiiiiaaah, Iaaaahh,“ schrie Schnellläufer.

,,Springt auf den Rücken des Esels,“ rief Munkelpietz seinen Freunden zu.

Die beiden versuchten es und es gelang ihnen tatsächlich. Er selbst konnte sich nur noch am Schwanz des Esels festhalten und ließ sich einfach mitschleifen. Als sie den Wald erreichten, waren die Wölfe nur noch wenige Meter hinter ihnen. Mit einem gewaltigen Satz sprang Schnellläufer in das Unterholz des Waldes. Sie sahen seltsame Wesen, dann erstrahlte ein helles Licht und es wurde dunkel rings um sie herum.
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