Kapitel 14

14. Der Zauberfisch

Bis zum Abend hatten sie den Fluss erreicht. Er war sehr breit und nirgendwo war eine Brücke zu sehen. So beschlossen sie die Nacht über in Ufernähe abzuwarten. Knollennase trug etwas Schnur und auch einen Angelhaken bei sich. Endlich bot sich ihm die Möglichkeit wieder einmal auf Fischfang zu gehen. Er suchte sich einen langen Ast und baute sich daraus eine Angelrute. Munkelpietz unterdessen hatte Holz für ein Feuer gesucht, dabei war er auf einen jungen Fuchs getroffen, der ihm berichtet hatte, dass es hier weit und breit keine Brücke geben würde über die man den Fluss überqueren konnte. Während Knollennase nun angelte, berieten sie die Lage.

,,Wie wäre es denn mit schwimmen,“ fragte Munkelpietz vorsichtig und leise um eventuelle Fische vor der Angel nicht zu vertreiben. ,,Kannst du vergessen! Ich kann nicht schwimmen, bin ja auch kein Fisch!“ gab ihm Knollennase zur Antwort. ,,Ja dann müssen wir wohl oder übel ein Floß bauen,“ merkte Munkelpietz nun an.

Aber Knollennase war gar nicht mehr bei der Sache. ,,Ich habe einen Fisch am Haken,“ schrie er urplötzlich auf. Tatsächlich ein großer Fisch hatte an Knollennases Haken angebissen und versuchte jetzt verzweifelt sich wieder loszureißen. ,,Hilf mir!“ rief der Zwerg dem Wichtel zu.

Munkelpietz war gleich zur Stelle und gemeinsam schafften sie es dann auch, den Fisch an Land zu befördern. ,,Na, wird das ein Abendessen!“ Knollennase war überglücklich über seinen großen Fang.

,,Ich werde ihn gleich ausnehmen und dann können wir ihn über dem Feuer braten.“ Der Fisch zappelte mit der Schwanzflosse. ,,Nein, bitte nicht! Esst mich nicht auf, ich bin ein Zauberfisch und wenn ihr mich freilasst, dann erfülle ich euch einen Wunsch.“ Knollennase hatte den Fisch nicht verstanden, dafür aber Munkelpietz. Er stieß den Zwerg, der gerade sein scharfes Messer ansetzen wollte um dem Fisch den Bauch aufzuschneiden zur Seite. ,,Hör auf Knollennase, tu es nicht. Der Fisch ist ein Zauberfisch!“ Knollennase tippte sich an die Stirn. ,,Du spinnst doch wohl, was?“

,,Nein, er hat es gerade gesagt! Du weißt doch, das ich die Sprache der Tiere verstehe!“ Knollennase musste den Wichtel wohl oder übel gewähren lassen und der warf den Fisch zurück in die Fluten.
,,Danke, rief der Fisch und was ist nun dein Wunsch?“ Munkelpietz überlegte aber ihm fiel nichts ein.

,,Der Fisch fragt, was wir uns wünschen. Er erfüllt uns einen Wunsch, weil wir ihn ins Wasser zurückgeworfen haben.“ Knollennase war immer noch verärgert. ,,Pah, Zauberfisch! Wunsch! Sag ihm ich wünsche mir einen großen Sack voller Gold und Edelsteine.“

,,Das geht nicht, ich bin nur ein kleiner Zauberfisch,“ gab der Fisch zur Antwort.

Nun war Munkelpietz ein Wunsch eingefallen. ,,Lieber Fisch, dann wünsche ich mir, das du eine Brücke baust, damit wir den Fluss überqueren können.“ ,,Das geht auch nicht, oder? Moment, mir kommt da gerade eine Idee! Warte bis morgen früh, dann werde ich deinen Wunsch erfüllen." Der Fisch verschwand in den Fluten.

,,Das hast du ja gut gemacht!“ Knollennase war nun wirklich verärgert, denn ihm knurrte der Magen und er hatte sich schon so auf den gebratenen Fisch gefreut. ,,Na, dann essen wir eben Kekse und Butterbrote,“ sagte Munkelpietz ein wenig kleinlaut.

,,Pah Butterbrote und trockene Kekse. Nein, dann bleibe ich lieber hungrig. Und glaube bloß nicht, dass du den Fisch wiedersiehst, der hat dich nämlich ganz schön an der Nase herumgeführt!“

Gork war mit seiner Trollarmee auf den Fersen des Zwerges und des Wichtelmännchens. Er hatte in seiner Zauberkugel gesehen, dass sie die Strapazen der Wüste überlebt hatten. Aber das würde ihnen nichts nützen. Spätestens am morgigen Nachmittag würde er sie eingeholt haben, da war er sich sicher. Er war gut durch die Wüste gekommen und auch den Trollen hatte die Hitze wenig anhaben können. Dreihundert von achthundert hatte er mitgenommen auf seine gnadenlose Jagd. Erhaben blickte er auf sie herab. Die Trolle waren hässliche Wesen, vielleicht einen halben Kopf größer, als der Zwerg. Ihrer Körper waren dicht behaart und ihr Zähne messerscharf. Vor nichts und niemandem hatten diese Wesen Angst und er stand schon lange in Verbindung mit ihnen. Sie konnten sich in Wölfe verwandeln und in blutrünstige Ratten, aber das taten sie selten. Aber ein Versprechen hatten sie Gork abgerungen als sie in seine Dienste traten, niemals durfte er einen von ihnen verzaubern.

Am nächsten Morgen angelte Knollennase wieder. Falls er wieder einen Fisch am Haken haben sollte, würde dieser diesmal dran glauben müssen und über dem Feuer braten. Aber leider biss kein Fisch an. Plötzlich aber steckte der große Fisch, dem Munkelpietz am Tage zuvor die Freiheit geschenkt hatte den Kopf aus dem Wasser.

Knollennase, der den Fisch bemerkt hatte sprang auf um den Wichtel ans Ufer zu holen. Er fand ihn nicht weit entfernt in einem Brombeergestrüpp, wo das Wichtelmännchen sich an den zuckersüßen Früchten labte. ,,He, Munkelpietz dein Zauberfisch ist wieder da!“

Munkelpietz nickte und folgte dem Zwerg zurück an den Fluss. Als der Zauberfisch den Wichtel erblickte sprang er hoch aus den Wellen des Flusses. ,,Da bist du ja! Ich komme um dir deinen Wunsch zu erfüllen. Du wolltest doch das ich dir eine Brücke zaubere, damit du und dein komischer Freund den Fluss überqueren könnten.“

,,Ja, das war mein Wunsch, sagte der Wichtel. Aber ich sehe keine Brücke!“ „Warte nur noch ein paar Minuten.“ Der Fisch tauchte wieder ab und verschwand. Munkelpietz hatte es nun furchtbar eilig. In Windeseile baute er das Lager ab und verstaute das Gepäck auf den Eseln. Knollennase hatte die ganze Szene belustigt verfolgt und schüttelte den Kopf. ,,Ach Munkelpietz, merkst du denn immer noch nicht, dass dich der Fisch nur zum Narren halten will?“

Kaum hatte er diesen Satz ausgesprochen, da fing das Wasser des Flusses an zu brodeln und zu schäumen. Neugierig lief Knollennase sofort ans Ufer und glaubte seinen Augen nicht trauen zu können. Tausende und abertausende von Fischen in allen Größen schwammen ganz dicht unter der Wasseroberfläche, wie an einer Schnur aufgezogen, von Ufer zu Ufer.
Nun war auch Munkelpietz mit den Eseln ans Ufer getreten und der Zauberfisch erschien wieder.

„Deine Brücke ist fertig, wie ich es versprochen habe. Sie wird euch trockenen Fußes über das Wasser bringen. Meine Freunde sind stark genug um euch zu tragen!“ Knollennase widerstrebte die ganze Sache. ,,Nein ich werde nicht über diese Brücke aus Fischleibern gehen, ‘’ sagte er trotzig.

,,Na, dann bleib halt hier!“ antwortete ihm der Wichtel. Dann setzte er langsam seine Füße auf das Brückenprovisorium und die Esel folgten ihm tapfer. Die Fische rückten noch enger zusammen. Schritt für Schritt kam Munkelpietz voran. Nun war auch Knollennase zur Vernunft gekommen und folgte seinem Freund. Es dauerte noch eine ganze Weile aber dann hatten sie tatsächlich trockenen Fußes das andere Ufer erreicht. Das Wasser brodelte und schäumte abermals und dann waren die Fische wieder fort und das Wasser des Flusses war wieder ruhig und erhaben.

,,Na siehst du Knollennase, sagte Munkelpietz als sie sich einigermaßen gefasst hatten, man soll nicht immer alles so negativ sehen und vor allem ein wenig Vertrauen haben.“ Und dann mussten sie lachen, so sehr das ihnen die Bäuche wehtaten.

© Hansjürgen Katzer, 1997






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