Startschwierigkeiten

1.

Der Monat April kam und dann war ich wieder mal weg ...

Endlich der Hektik des Alltags entfliehen! Sechs Wochen Urlaub und Freischicht lagen vor mir. Vierundvierzig Tage nur für mich und ich konnte sie gestalten, wie immer ich wollte. Ich fuhr mit der Nordwestbahn an einem späten Freitagnachmittag nach Osnabrück, aß in der dortigen Celona – Bar ausgiebig zu Abend, gönnte mir ein großes San Miguel und einen Cuba Libre, wackelte dann ein wenig angetrunken mit Rucksack und Wanderstöcken bewaffnet, gemächlich zum dortigen Busbahnhof in der Eisenbahnstraße und wartete.

Mein Flixbus nach Paris kam überraschend pünktlich. Das Einchecken ging schnell. Der Fahrpreis war, da ich schon vor Wochen gebucht hatte sensationell günstig und das Platzangebot mehr als akzeptabel. Viele belächeln mich, wenn ich ihnen erzähle, dass ich per Bus an die spanische Grenze reise, um hier meine Caminowanderungen, zumeist in Bayonne zu beginnen. Aber ich brauche das so! Brauche die Entschleunigungung, brauche die Bilder von Landschaften, Dörfern und Städten, die scheinbar endlos an mir vorüberziehen. Brauche den langsamen Einstieg, den mir eine Anreise per Flugzeug nicht bieten könnte.

Es war kurz nach einundzwanzig Uhr, als der Bus losfuhr. Ich trank noch eine Dose Becks Bier, blättere ein wenig im Stern herum, einer Illustrierten, die ich aus irgendeinem schwachsinnigen Grund vor Jahren abonniert hatte und hoffte bald einschlafen zu können. Nach einer Stunde passierten wir die holländische Grenze bei Bad Bentheim, nahmen in Hengelo noch ein paar weitere Fahrgäste auf, hatten anschließend weitere Stopps in Amersfoort,
Nijmegen und Antwerpen. Gegen drei Uhr hielten wir an einer ungemütlichen Autobahnraststätte in der Nähe von Kortrijk in Belgien und ich konnte mich meiner, quälenden, zutiefst menschlichen Bedürfnissen endlich erledigen.

Um kurz vor sieben Uhr erwachte ich aus einem leichten, unruhigen Schlaf, der mehr ein Dahindösen gewesen war. Fast natürlich ging mein erster Griff gleich an meine Brust. Da war er noch, mein wertvoller Brustbeutel, in dem ich Bargeld, Reiseunterlagen, den Impfpaß und meine Scheckkarte aufbewahrte. Sicherlich ist so ein Umhängebeutel nicht immer ganz bequem, aber ich hatte bislang nur beste Erfahrungen mit diesem Brustbeutel gemacht und hielt treu an ihm fest.


Wir kamen pünklich um sieben Uhr vierzig am Busterminal Paris Bercy, am Seineufer gelegen an und mir ging es doch schon wieder erstaunlich gut, obwohl ich meine tägliche Blutdrucktablette noch gar nicht eingenommen hatte. Der Busterminal war dunkel und die darin befindliche Atemluft sehr muffig. Hunderte von Reisenden warteten hier auf ihre Anschlussmöglichkeiten. Ein Blick auf mein Handy verriet mir, dass es noch gut eine Stunde dauern würde bis mein nächster Bus kommen sollte, den ich ebenfalls über Flixbus für einen Spottpreis gebucht hatte und der mich bis in die Nähe der spanischen Grenze befördern würde. So verließ ich den Bahnhof für eine Weile, begab mich in den dahinterliegenden Park, der sicherlich schon bessere Tage gesehen hatte.

Eine junge grellgeschminkte Prostituierte, mit fast zahnlosem Mund bot mir ihre Dienste an, die ich aber dankend ablehnte. An den Park angrenzend befand sich ein alter Rosengarten. Hunderte verschiedenster Rosensorten waren hier kultiviert und angepflanzt worden. Natur und Mensch, manchmal schaffen sie gemeinsam auch etwas durchaus Schönes.

Ich verließ den Rosengarten nach einer halben Stunde, lausche für einen kurzen Moment dem Spiel  eines alten Leierkastenmannes und schlenderte dann langsam zurück in den Busterminal. An der Haltestelle für den Überlandbus nach Bayonne hatten sich schon ein paar Fahrgäste eingefunden, zumeist waren es wahrscheinlich Reisende, die bis Bordeaux, oder Biarritz mitfahren würden. Aber auch eine aufgeregte, ältere Frau, um die  Mitte fünfzig, mit einem roten  Rucksack auf ihren hängenden Schultern, lief angestrengt dreinblickend auf und ab.  Ich beobachtete sie nachdenklich aus der Ferne. Als ich dann wieder langsam auf die Haltestelle zuging, sprach sie mich schon von Weitem an. „Hallo, fährt hier der Bus nach Bayonne ab?“ Ich nickte nur, öffnete die Halteriemen meines Rucksacks und nahm ihn von meinen Schultern. „Kerstin Mölling, stellte sie sich vor und streckte mir die Hand entgegen. Ich komme aus der Nähe von Paderborn. Sind sie Deutscher?“ „Ja“, gab ich ihr knapp zur Antwort. „Ich fahre auch bis Bayonne!“ Sie wirkte erleichert und schien plötzlich wesentlich ruhiger. „Wissen Sie, ich bin das erste Mal ganz allein unterwegs. Meine beiden Kinder haben mich zwar für völlig verrückt erklärt, als ich ihnen gesagt habe, ich wolle auf den Camino Francés pilgern gehen!“ Ich nickte wieder kurz und nahm einen Schluck aus meiner Wasserflasche. „Camino Francés ist gut. Den bin ich 2016 abgelaufen und habe es nicht im Geringsten bereut!“


Der Bus fuhr ein und wir beendeten unser Gespräch abrupt. Dem langweiligen, oft monotonen, grauen Alltag meines Daseins entflohen, saß ich nun also im Flixbus von Paris nach Bayonne, einer mittelgroßen, alten, fast fünfzigtausend Einwohner zählenden Stadt im wunderschönen französischen Baskenland, genauer gesagt im Département Pyrénées-Atlantiques gelegen, am Zusammenfluss der Flüsse Adour und Nive, nahe der spanischen Grenze.

Hier in dieser altehrwürdigen Stadt, wo laut Wikipedia auch der Name Bajonett herrührt (eine auf einen Gewehrschaft aufzusetzende Stoßwaffe), treffen in jedem Jahr vermehrt Menschen aufeinander, die sich aufmachen, einen der beiden langen, traditionellen spanischen Pilgerwege zu erwandern, den berühmteren Camino Francés, oder aber den wesentlich unbekannteren Camino del Norte, einen Küstenweg, immer am Atlantik entlang.


Teils aus religiöser und spiritueller Bewegung heraus, teils aus reinem kuturellen Interesse, oder aber auch aus sportlichem Gründen und gesundheitsbewußter Betätigung heraus, starten bis zu hunderttausend Menschen pro Jahr, ihr kleines, persönliches, unbedarftes Abenteuer und leisten dabei oft Erstaunliches.

Der Camino Francés führt den bemühten Pilger über die Berge der Pyrenäen und durch die Weinberge der Rioja, in die einsamen Weiten Kastiliens und durch die grünen Berge und Täler Galiciens, bevor nach gut achthundertfünf Kilometern, Santiago de Compostela mit seiner beeindruckenden Kathedrale erreicht wird. Die Vielseitigkeit der Landschaften, die Kulturschätze der Städte am Weg und die Begegnung mit Menschen aus der ganzen Welt machen die Wanderung zu einem unvergesslichen Erlebnis. Ihn bin ich vor zwei Jahren, ebenfalls im April und Mai gelaufen.

Für mich sollte es in diesem Jahr nun eine Mischung aus Camino del Norte und Camino Primitivo werden. Dafür hatte ich mich bereits Anfang Februar entschieden. Und wenn ich mich für etwas entschieden habe, steht diese Entscheidung zumeist festverwurzelt, wie ein uralter, knorriger Baum.
Gut eintausend Kilometer an Fußmarsch hatte ich also auch diesmal wieder vor mir, würde über Irún, San Sebastián, Bilbao, Santander, Villaviciosa, Oviedo und Lugo wieder bis nach Santiago de Compostela gelangen, falls der heilige San Miguel seine schützende Hand über mich halten würde. Und vielleicht würde ich es auf meiner diesjährigen Tour ja auch endlich mal bis ans Kap Finisterre und nach Muxía schaffen.

Ab Bilbao wollte mich mein alter Pilgerfreund Peter begleiten, Stationsarzt an einem großen Klinikum, aus der Nähe von Würzburg. Mit ihm war ich schon vor zwei Jahren auf dem Camino Francés ein paar Tage unterwegs gewesen, hatte mit ihm und zwei netten Pigerinnen aus Trier und Braunschweig eine wunderbare Zeit gehabt. Seither pflegten Peter und ich unseren freundschaftlichen, wenn auch nicht immer intensiven Kontakt. Kerstin Mölling hatte sich nicht weit von mir entfernt in eine Sitzreihe gesetzt und war kurze Zeit später eingeschlafen. Ich döste auch noch ein wenig vor mich hin und wurde geweckt, als wir gegen dreizehn Uhr an einem Autobahnrastplatz hielten. Das übliche Programm spulte sich ab. Toilette suchen, einen kurzen schnellen Kaffee trinken, ein wenig Wasser und ein belegtes Baguette kaufen. Dann sich beeilen um auch ja pünktlich am Bus zu sein, sonst bestand durchaus die Gefahr, dass man einfach stehen gelassen wurde. Da kannten die Busfahrer kein Pardon und hatten wenig Verständnis für etwaige Verspätungen ihrer Fahrgäste.

Als der Bus abfahren wollte, fehlte ausgerechnet Frau Mölling aus Paderborn. Der Busfahrer wartete fünf Minuten und redete in einem wütend klingenden Französisch auf seinen Kollegen ein. Nach weiteren fünf Minuten Wartezeit stieß er ein zischendes „Merde,“ aus. Was wohl soviel wie verdammte Scheiße heißen sollte. Er startete den Motor. Als er anfuhr, sah ich in der Entfernung die heraneilende, fehlende Mitreisende und schrie laut auf: „Stopp!“

Der Bus hielt zu meinem Erstaunen wirklich an. Die meisten anderen Fahrgäste sahen mich maßregelnd an. Aber Frau Mölling erreichte den Bus und wurde nun unter wütenden Beschimpfungen des genervten Busfahrers hereingelassen und versank rot angelaufen vor Scham in ihrem Sitz. Dann ging die Reise endlich weiter.

„Da hatte ich ja wirklich Glück“, meldete sich die Pilgerschwester nach einer Weile verlegen zu Wort. „Ja, Glück gehört dazu,“ gab ich ihr zur Antwort. Ich las zum zweiten Mal in meiner Zeitschrift, schrieb ein paar Zeilen in mein Handy und vertrat mir bei unserem nächsten Halt in Bordeaux kurz die Beine. Als ich wieder in den Bus stieg hatte sich Kerstin Mölling direkt in die Reihe vor mir gesetzt und suchte nun das Gespräch.

„Sie reden nicht so gern, oder?“ Ich sah sie erstaunt an. „Doch!“ Sie hielt mir eine Tafel Schokolade hin. „Möchten Sie?“ Ich lächelte. „Da sage ich nicht Nein, aber nur wenn du aufhörst mich zu siezen. Unter Pilgern sagt man glaube ich Du. Ich bin der Hans!“ Ich reichte ihr die Hand, sie ergriff sie. Sie hatte erstaunlich kleine Hände, aber einen festen Händedruck. „Ich bin die Kerstin, aber das weißt du ja, das hatte ich ja schon am Busbahnhof in Bercy gesagt.“

Wir kamen ins Gespräch, sie erzählte mir ihre halbe Lebensgeschichte. Das sie mal Krankenschwester gewesen sei, den Beruf aber nicht mehr ausüben könne und nun eine kleine Erwerbsunfähigkeitsrente bezöge. Das sie seit acht Jahren geschieden sei und das ihr Mann sie jahrelang mißhandelt, verprügelt und vergewaltigt habe. „Mein Gott“, dachte ich bei mir, was haben die Leute doch allesamt für unglaubliche Probleme. Da hatte ich es doch eigentlich sehr gut, mit den paar kleinen, feindseligen Nickeligkeiten in meinem Betrieb, die mich ab und an auch ein wenig in Stress versetzten.

Sie zeigte mir Bilder ihrer beiden Kinder, einer Tochter und eines Sohnes, die ihr nun etwas Halt gaben. Aber jetzt wollte sie trotz aller Bedenken mal etwas Neues ausprobieren. Ich gab ihr noch ein paar Tipps für den Camino Francés, empfahl ihr nach Roncesvalles nicht über die Route Napoleon zu gehen. Der Jakobsweg führt von Saint – Jean – Pied – de – Port aus hinauf zum Ibañeta-Pass (Puerto de Ibañeta oder auch Col de Roncevaux) auf 1.057 Meter Höhe, den im Jahre 778 schon Karl der Große bei seinem Spanien-Feldzug passierte. Besser sei es den kleinen Umweg über Valcarlos entlang der Landstraße zu nehmen, da dies die sicherere und leichtere Alternative sei.

Kurz hinter Biarritz telefonierte sie mit ihrem Sohn. Dabei fiel ihr auch ein, dass sie noch gar keine Übernachtungsmöglichkeit hatte. Der Sohn versprach ihr, etwas Passendes für die Nacht im Internet zu besorgen. Booking.com macht viele möglich  „Vielleicht ist bei mir im Hotel ja noch ein Zimmer frei", mischte ich mich kurz entschlossen ein, nachdem sie das Gespräch mit ihrem Sohn beendet hatte. „Das wäre ja fantastisch“, gab sie mir zur Antwort. „Ich habe an alles gedacht, aber meinen Schlafplatz für heute  Nacht, den habe ich komplett vergessen!“

copyright by Hansjürgen Katzer, 2018









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