Die Polizei ermittelt

7.

 Es dauerte fast eineinhalb Stunden bis die spanische Polizei am Unglücksort eintraf. Drei Polizisten kamen zu Fuß den schmalen Sandpfad herunter geschritten, sicherten dann großflächig die Unglücksstelle ab, nahmen unsere Personalien auf, befragten uns auf spanisch, was aber leider keiner von uns wirklich verstand.
Gegen dreizehn Uhr hatte sich der Nebel soweit gelichtet, das ein Polizeihubschrauber landen konnte aus dem weitere Polizisten ausstiegen. Einer der Polizisten stellte sich uns als Kommissar José Antonio Ortega vor. Er sprach ein gut verständliches Deutsch und stellte uns weitere Fragen. Man versorgte uns mit ein paar warmen Decken und gab uns heißen Tee zu trinken.

Wir schilderten ihm was vorgefallen war. Das wir einen Schrei gehört hatten und dann die Leiche der jungen Frau hier vorgefunden hatten. „Haben Sie die Leiche bewegt“, fragte Ortega unvermittelt. „Nein“, preschte Günter vor. Ich wusste nicht warum er jetzt log. Ob es Nervosität oder Dummheit war? „Ja“, gab zumindest ich wenig später zu. „Ja, ich habe die Leiche kurz berührt, als ich die Rettungsdecke über den Oberkörper und das Gesicht legte um den Leichnam etwas abzudecken!“ „War das ein Fehler?“

„Wissen wir noch nicht“, Ortegas Stimme klang nicht unbedingt freundlich. „Sie könnten Spurenmaterial vernichtet haben!“ „Spuren? Sie meinen es war vielleicht ein Gewaltverbrechen?“ Ich hatte plötzlich einen Kloß im Hals „Haben Sie die komischen Druckstellen am Hals gesehen?“ Ortega sah mich teilnahmslos an. „Das wird alles die Obduktion abklären!“

Die Leiche wurde in einem schwarzen Leichensack abtransportiert. „Wie geht es nun für uns weiter?“ Günter sah Ortega fragend an. „Sie werden sich heute Abend bei uns auf der Poizeidienststelle in Deba melden!“ „Und wie kommen wir da hin?“ wollte nun Karin-Maria wissen. Ortega zuckte mit den Schultern. „Vermutlich zu Fuß, im Hubschrauber ist auf jeden Fall kein Platz mehr!“

Wir sahen ihn entgeistert an. Er meinte es scheinbar erst. Aber wir fügten uns schließlich unserem Schicksal und marschierten schweigend und tapfer wieder los. Mindestens drei Stunden würden wir noch unterwegs sein. Ein langer steiler Anstieg stand für uns an, danach ein ebenso steiler, verwinkelter Abstieg, morastige Wald- und Wiesenwege folgten, wieder stand die Durchquerung einer Weide an, auf der es zu unserer Erleichterung keine wilden Kühe gab. Zu Schluß ging es noch einmal über  viel Asphalt weiter und irgendwann an späten Nachmittag hatten die Strapazen ein Ende und stiegen völlig fertig, über steile Treppen nach Deba hinab.

Im ersten Bistro am Platz machten wir Rast, aßen und tranken eine Kleinigkeit und überlegten wie es nun weitergehen sollte. „Zuerst Polizei, oder Quartiersuche“, wollte Günter recht pragmatisch wissen. „Quartiersuche“, antworteten Maria-Karin und Roswitha fast im Gleichklang. „Die Polizei läuft uns nicht weg“, ergänzte Roswitha und bestellte sich noch einen Café con leche, mit extra viel Milch.

Der Outdoor – Reiseführer ließ uns wissen, das es im umgebauten Bahnhof von Deba eine Herberge gab. Aber für diese Herberge musste man sich hier, aus einem nicht erkennbaren Grund erstmal in der Touristeninfo registrieren lassen. Die machte allerdingst erst um siebzehn Uhr wieder die Türen auf. Also noch ein wenig warten. Zeit für ein weiteres schnelles Bierchen, oder was das Genießerherz und der verwöhnte Gaumen sonst so wünschten.

Um siebzehn Uhr ließen wir uns registrieren, wanderten brav wie wir waren  zur Herberge, die tatsächlich im obersten Stockwerk des Bahnhofs angesiedelt war. Schlappe fünf Euro kostete die Übernachtung. Wir richteten uns kurz ein, duschten nicht besonders ausgiebig und standen um achtzehn Uhr vor der Polizeistation in Deba. Hier erwartete man uns schon ungeduldig. Einzeln wurden wir befragt und nach allen Regeln spanischer Polizeiführung vernommen. Kommissar Ortega war aber dennoch auskunftsfreudiger, als wie ich zuvor angenommen hatte.

„Unsere Rechtsmedizin hat die Leiche noch nicht abschließend obduziert, aber es handelt sich vermutlich um eine einundzwanzig Jahre alte Pilgerin aus Polen, deren Name Katya Fronzyck ist“, ließ er mich wissen. „Kennen Sie das Madchen?“ Ich schüttelte den Kopf, war für einen Moment verwirrt „Nein, aber ich glaube, ich habe sie schon einmal kurz in Orio in einer Kneipe gesehen, als sie da einsam und mutterseelenallein an einem Tisch saß!“ „Welche Kneipe und wann war das?“ Ich erinnerte mich nicht mehr an den Namen. „Die Taverne direkt neben der Kirche“, merkte ich zögernd an, worauf Ortega gleich begann handschriftlich etwas in ein schwarzes Büchlein zu schreiben. „Und das müsste Montag, am späten Nachmittag gewesen sein!“

„Wurde sie umgebracht, oder war es ein Unfall?“ Der Kommissar musterte mich lange. „Ich glaube nicht, das Sie das etwas angeht. Aber ja, wir gehen davon aus, das es sich um ein Gewaltverbrechen handelt. Sie wurde mit bloßen Händen erwürgt und um das Ganze noch unappetitlicher zu machen hat man ihr zusätzlich mit einem Felsbrocken auch noch den Schädel eingeschlagen. Warum wissen wir nicht, aber unsere Forensiker arbeiten mit Hochdruck an dem Fall und werden vermutlich bald mehr wissen!“

Ich schluckte und dachte nach. Schon die zweite Frauenleiche innerhalb von drei Tagen. Erst die kleine Irin weggeworfen in Bayonne, nun die hübsche Polin mausetot auf dem Felsen der Steilküste. Was für ein Wahnsinn ging hier vor sich. „Haben Sie uns noch etwas zu sagen?“ Ortega musterte mich erneut mit seinen wachen, braunen Augen. Ich schüttelte müde den Kopf. Warum sollte ich dem Kommissar sagen, das ich auch das tote Mädchen in Bayonne kurz gesehen und sogar mit ihr gespochen hatte. Wer würde an soviel Zufall glauben? Ich wollte mich nicht verdächtig machen und schwieg lieber.  Auch die anderen drei wurden vernommen, keiner war in der Lage etwas Erhellendes zu dieser Tat beizusteuern. Schließlich wurden noch unsere Fingerabdrücke genommen. Der Kommissar sagte uns lapidar, sie benötigten diese Fingerabdrücke um sie mit den anderen Spuren abzugleichen und nicht auf eine falsche Fährte zu geraten.


Gegen neunzehn Uhr traten wir vier bedauernswerten Pilger aus der Polizeistation heraus. Für morgen früh, waren Günter und ich nochmsls kurz einbestellt. Wir waren allesamt bedient und wollten nur noch in den Schlafsack. „Falls es in der Herberge Fragen gibt, einfach mal mal den Mund halten“, gab Günter als Parole aus. Wir nickten nur. Ja, das war für den Moment wohl das Beste.

copyright by Hansjürgen Katzer, 2018

 

 
 
 

 

 
 
 

 

 
 
 

 

 
 
 

Die Herberge war in der Zwischenzeit gut gefüllt. Bald lag ich im Schlafsack, aber an Schlaf war nicht zu denken. Wieder waren die Schnarcher in ihrem Element und ich lag wach.

 

 
 
 

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