Bayonne und mehr

 

2.


Wir kamen gegen neunzehn Uhr in Bayonne an. Die Haltestelle, die der Flixbus angefahren hatte, war ein wenig unübersichtlich. Aber schon bald fanden wir eine Hinweistafel, die uns den Weg zum Bahnhof wies, in deren unmittelbarer Nähe sich das Hotel de la Gare befand, in dem ich ein Zimmer für die Nacht gebucht hatte. Kerstin tat sich bereits nach einem Kilometer Fußmarsch schwer mit dem Gewicht ihres Rucksacks. Wie sollte das erst auf dem Camino Francés werden, wo die ersten ein, zwei Tage sicher zu den härtesten des Weges gehörten. Nach einem weiteren Kilometer hatten wir das kleine Hotel in der Rue du Trinquet erreicht. Die Rezeption war mit einer jungen Frau besetzt, die auch etwas englisch sprach. Leider sei kein zweites Zimmer mehr frei, teilte sie uns bedauernd mit, zudem sei Messe in der Stadt, da wäre es vermutlich sowieso ein kleines Wunder, jetzt noch eine Übernachtsungsmöglichkeit zu finden.

 

Kerstins Mundwinkel zeigten nun deutlich nach unten. „Und nun?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Lass uns erst mal mein Zimmer anschauen. Zur Not schlafe ich auch auf dem Fußboden!“ Mein Zimmer war wirklich nicht groß, WC und Dusche gab es auf dem Etagenflur, aber es standen zu unserer großen Freude zumindestens zwei getrennte Betten darin. Nun schien die Situation womöglich gerettet und Kerstin hatte ihren Schlafplatz gefunden. Selig vor Glück, rief sie gleich ihren Sohn an und teilte ihm mit, er bräuchte sich um nichts mehr zu kümmern, sie habe ihre Übernachtungsmöglichkeit.

 

Ich ging zurück, an die Rezeption, teilte der jungen Dame mit, das wir uns das Zimmer teilen würden, worauf ich noch einen Euro Kurtaxe, für was auch immer zahlen musste. Aber das war mir jetzt völlig egal. Ich setzte mich erschöpft an die Bar, bestellte mir ein großes Bier und einen Calvados und kam nun ganz langsam in Urlaubsfreude. Die Bedienung brachte mir eine kleine Schlüssel mit Erdnüssen, diesen zuvorkommenden Service war man in Deutschland nicht gewohnt. Nachdem ich ausgetrunken hatte, zahlte ich, gab ein großzügiges Trinkgeld und ging zurück auf mein Zimmer.

 

Ich klopfte natürlich als Kavalier der alten Schule an, als ich eintrat. Sie saß auf ihrem Bett, nur in ein Badehandtuch gewickelt. „Ich habe geduscht, herrlich!“ ließ sie mich wissen. Ich nickte nur.  Das war eine hervorragende Idee, das würde ich jetzt auch tun und schon griff ich nach Handtuch und Kulturbeutel.

 

„Wollen wir später noch ein wenig die Stadt unsicher machen und eine Kleinigkeit essen?“ Sie schüttelte energisch den Kopf. „Nein, danke! Ich bin hundemüde und will nur noch schlafen. Außerdem gibt mein Budget, keine großen Restaurantbesuche her.“ Ich versuchte zu lächeln. „Mein Budget auch nicht! Ich gehe dann erst mal duschen!“

 

Als ich aus dem Duschraum zurückkehrte hatte sie sich angezogen und saß auf dem Bett und schrieb in eine schwarze Kladde, wahrscheinlich eine Art Tagebuch. Ich hatte mich in der Dusche umgezogen und warf meine dreckige Unterwäsche, die ich heute nicht mehr waschen würde, in einem Zip – Beutel verpackt zurück in meinen Rucksack.

 

Noch ein wenig Deo, dann verabschiedete ich mich von ihr. Ich bummelte ein wenig durch die Straßen, sah mir das Schaufenster eines Antiquitätengeschäftes ausgiebig an, kaufte mir in später in einem kleinen Supermarkt eine Flasche Bordeaux, dazu ein wenig Brot, etwas Käse und eine Salami.

Müde werdend schlenderte ich nun an das Ufer der Adour, aß und trank ein wenig, blicke auf das dunkle Wasser und genoss die hereinbrechende Nacht. Eine Stunde verbrachte ich so, bis mich Kälte und Dunkelheit daran erinnerten, einen warmen Schlafplatz gebucht zu haben. Auf dem Weg zurück zum Hotel sprach mich eine junge, rothaarige Pilgerin aus Irland an, ob ich noch eine Pension wüsste, oder ein Herberge, wo sie heute Nacht unterkommen könne. Schwer war sie mit ihrem Rucksack beladen und ich bedauerte sie ein wenig. „Alles ausgebucht“, gab ich ihr freundlich zur Antwort. „In der Stadt ist eine Fachmesse, aber der Bahnhof ist geöffnet. Vielleicht findest du dort einen Platz zum schlafen!“ Sie bedankte sich und ich schenkte ihr, die noch halbgefüllte Flasche Bordeaux, die ich immer noch mit mir trug, vielleicht konnte ihr der gute Tropfen ein wenig besser über die noch lange Nacht helfen, ich hatte genug Alkohol gehabt. Ich wartete noch einen Moment bis sie im Dunkel der Nacht entschwand. Als ich kurze Zeit darauf in das kleine Zimmer meiner Pension zurückkehrte, schlief mein Übernachtungsgast bereits. 

Zu meinem unsäglichen Bedauern schnarchte diese Frau aber in einer Lautstärke, die ich dieser zarten Person, nie und nimmer zugetraut hätte. Ich ärgerte mich ein wenig für meine ewige Hilfsbereitschaft. Ich hätte dieses Zimmer auch alleine geniesen können, oder mit der kleinen Irin von vorhin, die schnarchte sicherlich nicht so laut. Freundlichlichkeit wird eben nicht immer belohnt, aber was sollte ich nun tun? So blieb mir nichts anderes übrig, als unter die Bettdecke meiner Schlafstätte zu schlüpfen, noch eine ganze Zeit lang wach zu liegen und Kerstins unregelmäßigen, unmelodischen, pfeifenden Atemzügen zu lauschen, um dann doch endlich gegen drei Uhr meinen wohlverdienten Schlaf zu finden.

Die Nacht war kurz, gegen sieben Uhr stand ich bereits auf, duschte und machte mich schnell startklar für den Tag. Sie tat es mir bald nach, bedankte sich noch mindestens zehn Mal dafür, das ich ihr einen Platz für die Nacht überlassen hatte, aber eigentlich interessierte mich Kerstins Gerede wenig, denn ich wollte nur noch raus aus diesem Zimmer.

Gegen acht Uhr verließen wir die kleine Pension, frühstückten in einem nahen Bistro ausgiebig und gingen dann mit unseren Rucksäcken beladen zum nahegelegenen Bahnhof. Der nächste Bus nach Saint-Jean-Pied-de-Port fuhr erst gegen vierzehn Uhr, so beschloss Kerstin spontan, doch lieber ein Taxi zu nehmen, auch wenn das nicht ganz billig werden würde. Die 80 Euro, die der Taxifahrer für die Fahrtnan den Ausgangsort des Camino Frances verlangte, hätte ich sicher nicht gezahlt, aber Madame hatte das Geld anscheinend übrig, obwohl sie noch gestern ihr schmales Budget bejammert hatte. Frauen halt und so fuhr sie baldigst ab, nachdem wir zuvor noch ein paar nette Worte und unsere Telefonnummern ausgetauscht hatten.

Es war Sonntag heute, ein beschaulicher, stiller Sonntag. Mein Zug würde noch eine Stunde auf sich warten lassen, um mich dann nach Hendaye zu bringen, meinem Startpunkt für den spanischen Küstenweg, den sogenannten Camino del Norte. Es war bereits meine dritte abenteuerliche Reise auf den Pilgerwegen Spaniens und so war ich diesmal auch mit wesentlich mehr Gelassenheit und Ruhe ausgestattet. Ich saß noch fast eine dreiviertel Stunde auf einer Bank vor dem Bahnhofsgebäude, schaute den vorbeieilenden Passanten zu, ging dann an den Fahrkartenschalter im Bahnhofsgebäude, kaufe mir mein Ticket und schlenderte gemächlichen Schrittes an den mir als Abfahrtspunkt benannten Bahnsteig.

Der Zug kam pünktlich, das war ich aus Deutschland in letzer Zeit kaum noch gewohnt. Ich stieg ein, setzte mich in ein ziemlich leeres, überschaubares Abteil und freute mich sehr darüber, das meine Reise bislang doch ziemlich unproblematisch vonstattengegangen war.

Über Biarritz und Saint-Jean-de-Luz erreichten wir nach gut dreißig Minuten Hendaye. Hier musste ich raus, hier sollte mein dritter Camino starten. Der Bahnhof von Hendaye hatte in der Vergangenheit sicherlich schon bessere Tage gesehen und leidenschaftslos hatte ich ihn bald hinter mich gelassen. Ich folgte zwei jungen Frauen, die ebenfalls Rucksäcke mit der obligatorischen Pilgermuschel trugen. Nach fünf Minuten hatte ich den ersten gelben Markierungspfeil, in spanisch „la flecha amarilla“ entdeckt und stand vor der Grenzbrücke über den Fluss Bidasoa.

„Sei mir gegrüßt, mein heiliges, wunderbares Spanien", jubelte ich innerlich. Die Sonne schien schon behaglich von mittäglichen Aprilhimmel des nordspanischen Baskenlandes und ich genoss ihre wärmenden Strahlen. Hier und da fotografierte ich kurz, allesamt Momentaufnahmen. Vor allem ein paar junge Kanuten auf dem Fluss boten mir ein prachtvolles Motiv, das ich mit meiner neuen Lumix gern für die Ewigkeit festhielt. Nur ein paar hundert Metern weiter und ich hatte die Stadt Irún erreicht, welche erst 1913 zur Stadt erhoben, bei der nationalistischen Offensive von Guipúzcoa, während des spanischen Bürgerkrieges 1936 weitestgehend zerstört worden war und heute wieder über sechzigtausend Menschen Heimat, Erholung und Arbeitsstätte bot.

Bald trank ich meinen ersten Café con leche in einer kleinen Straßenbar und gönnte mir ein paar herzhafte Tapas dazu. Später sah ich mir noch die Iglesia Santa Maria del Juncal an, eine imposante Kirche aus dem sechzehnten Jahrhundert. Ein Blick auf das Handy verriet mir, das ich mich nun doch ein wenig sputen sollte, um das selbstgesteckte Tagesziel auch wirklich zu erreichen.

Schnurstracks ging es durch die Stadt, immer Richtung Hondarribia. Erste Anstiege waren unproblematisch, aber ich war dennoch sehr froh darüber meine Nordic – Walkingstöcke benutzen zu können. Ich folgte später wieder der markierten Route über Brücken und altem Schwemmland, entlang eines kleinen Baches, dachte kurz darüber nach, vielleicht mein gestecktes Etappenziel zu verkürzen und ganz gemächlich in der Pension Capitan Tximista einzukehren, die neben einer Mühle aus dem achtzehnten Jahrhundert an der Südseite des Berges Jaizkibel lag, nur fünf Fahrminuten vom Zentrum von Hondarribia entfernt. Schließlich kam ich schon ein wenig erschöpft an der Kapelle von Hondarribia an, die zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe erbaut wurde, trank Wasser, aß eine Dose Thunfisch und genoß die wunderschöne Aussicht auf die Bucht Txingudi und die verschiedenen Festungen in der Nähe des Heiligtums.

 

Nun mußte ich mich auch entscheiden ob ich über den steilen, steinigen Grat des Jaizkibel wandern wollte, oder doch lieber um den Berg herumgehen sollte. Ich wähle den Weg über den knapp fünfhundertfünfzig Meter hohen Jaizkibel, der sich bald als erste, wirkliche Herausforderung und körperliche Höchstanstrengung auf dem Küstenweg darbot. Der sehr steile, rutschige Anstieg zeigte meinem übergewichtigen Körper, schon bald seine Schwachpunkte auf. Dazu der Rucksack, der nun wie ein Mühlstein auf meinem Rücken lag. An einem regennassen Tag hätte ich hier abgebrochen und wäre nach Irún zurückgekehrt oder wäre aber den Weg um den Berg herumgegangen. Aber nun wollte ich es wissen, es meinem inneren Schweinehund mal so richtig zeigen. Und wirklich ich quälte mich im wahrsten Sinne des Wortes, langsam, Meter um Meter an meinem steilen Hindernis empor.

Schweißnaß und keuchend nach Atem ringend erreichte ich schließlich das Plateau und wurde mit einer traumhaften Aussicht auf die Küste und das Inland rund um Hendaye und Irún belohnt. Ich machte noch eine kurze Rast, trank ein wenig Wasser und überhielt mich gerade wieder zu Atem gekommen, kurz mit einem jungen Schweizer. Eine Gruppe sportlich versierter Läuferinnen lief den Berg von der Gegenseite hinab, grüßte freundlich. Eigentlich doch ein ganz schöner Tag, dachte ich still bei mir!

Die Pause gab mir langsam neue Kraft für den weiteren Weg bis Pasaia. Aber es war noch ein ganz schön anstrengendes Stück bis dorthin. Ein Verlaufen ist hier oben eigentlich unmöglich. Ich folgte dem Grat des Berges, kam an einen verfallenen Wehrturm aus dem zweiten Karlistenkrieg vorbei, verfolgte die Route weiter, fotografiert fasziniert ein paar Wildpferde, die hier oben in der Höhe ganz friedlich grasen. Traf dann auch das erste Mal auf Franz, der sich mir als Student aus Utrecht in den Niederlanden vorstellte. Und mit dem ich nun ein kurzes Stück des Weges weiterging. Wir wanderten schließlich einen steilen Abstieg hinab, kamen durch ein Waldstück nach gut eineinhalb Stunden in Pasia – Donibane an. Hier wollte Franz in der Eremita de Santa Ana übernachten, mich hingegen trieb es noch ein wenig weiter bis Ulia. Und so verabschiedeten wir uns voneinander.

In Pasaia angekommen, musste ich mich nochmals kurz stärken. Es war bereits sechzehn Uhr und der Weg war für heute noch lange nicht zu Ende. Der Rucksack erwies sich zunehmend als Last und ich hätte im Nachhinein doch noch gern ein paar meiner Utensilien zu Hause gelassen. San Miguel, ist ein gut zu trinkendes, spanisches Bierchen und ich gönnte ich mir derer gleich zwei, kaufte noch etwas Wasser und Cola, fuhr dann mit dem kleinen Fährboot die knapp 150 Meter hinüber über die Bucht nach Pasaia San Pedro. 

Weiter ging es nun ganz gemächlich an einer schönen Bucht entlang, um eine alte Werft herum, über eine schlecht gesicherte Baustelle, bis hin zur Treppe am Leuchtturm Faro de la Plata gelegen, über die es die Steilküste hinauf ging. Wieder musste ich meinen massigen Körper extremst quälen um die in den Fels geschlagenen Stufen hinaufzukommen. Meine Fettzellen würden es mir sicher nicht danken, aber das war gut so und ein wohlüberdachter Nebeneffekt meiner Reise. Zwei Australier überholen mich auf der Treppe, blickten mitleidig auf meinen viel zu schweren Rucksack. „Die haben gut lachen“, fluchte ich leise vor mich hin. „Aber die sind sicher auch nicht sechs Wochen unterwegs.“ Am Ende der Treppe lag ein idyllischer Rastplatz. Hier genoß ich noch ein wenig, die nachlassende Nachmittagssonne und bemerkte, wie das Wetter langsam umschlug und sich Wolken auftürmten. Nun begab mich auf den Endspurt meiner Tagesetappe. Durch Waldgelände, und schmale Sandpisten ging es immer wieder auf und ab. Immer wieder donnerte es in der Ferne. Bald würde es ein ordentliches Gewitter geben und ich wollte nur noch trocken ankommen. Und das gelang mir, nach einer weiteren Stunde hatte ich gegen achtzehn Uhr mein Ziel erreicht. Die Herberge der Gemeinschaft der zwölf Stämme, in Ulia.

copyright by Hansjürgen Katzer, 2018






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