Die Tote im Fels


6.

Um kurz vor acht Uhr brachen wir zu viert auf, um die nächste Tagesetappe in Angriff zu nehmen. Wir wollten es zumindestens bis Deba schaffen und hatten uns zudem vorgenommen, den Weg über die Steilklippen zu gehen, die im Outdoor Reiseführer als ganz besondere Attrakion beschrieben und gepriesen wurde. Der Weg wurde allerdings auch als nicht ganz unproblematisch benannt und das flößte Karin-Maria und Roswitha, doch einen gehörigen Respekt ein. 

In einer kleinen Cafeteria gab es den obligatorischen Café con leche, nur Günter brauchte die pure Dröhnung und bestellte sich einen Café solo, schwarz wie die vergangene Nacht. Den ersten Kilometer kraxelten wir wieder einen gehörigigen Anstieg hinauf, dann ging es an Weinbergen und über schmale Weideflächen weiter auf einen kleinen Sandweg, der uns zu einem kleinen Rastplatz führte. Hier führte uns eine Schotterpiste weiter bis an den Rand eines kleinen Dorfes. Das Wetter zog sich langsam zusammen und wir beschlossen weiterzugehen und nicht in eine kleine Taverne einzukehren, die etwas abseits des Weges lag. Es sah nach Regen aus, aber trotzdem wollten wir alle den Weg über die Steilküste wagen. Durch eine Senke und einen untypischen Nadelwald ging der Weg bald wieder bergan. Jetzt machte es wenig Sinn noch einmal umzukehren und so kämpften wir uns weiter vorran.

Nebelschwaden zogen langsam vom nahen Meer herein. Eine schöne Aussicht würden wir wahrscheinlich nicht erhaschen können. Feiner Nieselregen setzte bald ein und wir zogen unsere Regenponchos- und Jacken über. An einem alten, verwitterten Gehöft machten wir eine kurze Trinkpause, dann wurde die weitere Wegführung immer undeutlicher und wir mussten wieder durch ein schmales Holztor gehen, das uns erneut auf eine große Weidefläche führte. In der Ferne grasten mit schweren Glocken behangene Milchkühe und störten sich anscheinend nicht weiter um uns.


Das änderte sich aber schlagartig als Günter in ausdauerndes Muhen verfiel. Er hatte sich einen Spaß machen wollen, aber den hatten die Tierchen wohl völlig falsch verstanden. Mit donnernden Hufen und tönendem Gebimmel rannten sie auf uns zu. Roswitha lief um ihr Leben. Ich hätte nie gedacht, das eine solch schwergewichtige Frau ein derartiges Tempo an den Tag legen konnte und das zudem noch mit einem zusätzlichen, zehn Kilogramm schweren Rucksack auf dem Rücken. Bald bemerkte ich aber auch, das die Viecher es eigentlich auf mich abgesehen hatten. Na ja, der rote Regenponcho den ich trug war schon ein rechter Blickfang und hatte ihr gesteigertes Interesse geweckt. Nun waren diese wildgewordenen Kühe hinter mir her. Ich schrie und rannte wie ein Berserker, schlug Haken um Haken, rutschte auf einem Kuhfladen aus, rappelte mich schleunigst wieder auf und schaffte es irgendwie durch das Holzgatter, das mir Günter wohlwollend geöffnet hielt, der tobenden Herde zu entfliehen. „Gerettet“, japste ich in die Knie gesunken und wusste nicht ob ich lachen, oder heulen sollte, wärend das drohende Muhen der Kühe immer noch in meinen Ohren klang. Letztendlich entschieden wir vier, die Sache mit Humor zu nehmen. Man wird ja schließlich nicht jeden Tag von wildgewordenden spanischen Rindern gejagt.


Wir näherten uns nun der Steilküste, die kleinen Sandpfade beanspruchten unsere gesamte Aufmerksamkeit. Wild und tosend schlug die Brandung des Meeres gegen die Felsen. Windig war es wieder geworden und sehr kalt. An einem hölzerndem Ausblickspunkt blieben wir kurz stehen. Aber der Ausblick auf die so diesige und nebelverhangene See, ließ uns kaum etwas erkennen. „Blöde Idee, dieser Klippenweg“, seufzte Roswitha und Günter nickte zustimmend. Ich hatte genug zu tun auf den schmalen Weg, meinen Halt nicht zu verlieren und schwieg lieber.


Ein gellender Schrei riß uns aus unserer Lethargie. „Da ist was passsiert“, keuchte Günter angestrengt. „Das war eine Frauenstimme“, erwiderte Karin-Maria. „Macht jetzt bloß keinen Blödsinn“, ergänzte Roswitha. Sie hatte recht, jetzt bloß nickt hektisch handeln und vielleicht noch in Gefahr geraten. Möwen kreischten, die Brandung toste lauter und der Nebel wurde noch dichter. Ein neuer ohrenbetäubender Schrei erklang, mir gefror das Blut beinahe in den Adern. Diesmal war es Karin-Maria gewesen, die aus Leibeskräften aufgeschrieen hatte. Sie zeigte auf einen nahen Felsvorsprung auf dem ein unbeweglicher, schemenhafter Körper eines mmenschlichen Wesens lag. „Bleibt hier,“ herrschte Günter die Frauen an. Wir beide näherten und dem Körper, der in Wanderhosen und einen blauen Anarok gekleidet regungslos da lag. Es war der Körper einer jungen frau, die von den felsen abgestürzt sein musste. Als Günter den Körper umdrehte und wir das gesicht erkennen konnte, sackten mit die Beine weg und ich mußte mich übergeben. Es war das Mädchen, mit der roten Kurzhaarfrisur, das ich vor zwei Tagen an dem kleinen Tisch in der Taverne in Orio gesehen hatte.


In ihrem Schädel klaffte nun ein großes Loch und ihre toten Augen starrten uns an. „Wir müssen die Polizei holen“, brach es aus Günter heraus und er suchte verzweifelt nach einem vernünftigen Empfang für sein Handy. „Hier hast du keine Chance“, flüsterte ich verzweifelt. „Dann versuche ich es oben, auf den nächsten Anstieg“, gab er mir zr Antwort und verschwand. Ich hatte die Leiche  inzwischen mit einer Rettungsdecke abgedeckt, die ich in der erste Hilfe-Ausrüstung entdeckt hatte, die ich immer bei mir trug. Dabei waren mir auch die Abdrücke an ihrem Hals aufgefallen. Roswitha und Karin-Maria verharrten weiterhin etwas abseits und zitterten vor Kälte, Angst und Erschöpfung. Dieser Camino stand unter keinem guten Stern, das stand fest.

copyright by Hansjürgen Katzer, 2018



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