Flucht


Flucht

Ununterbrochen heulen die Sirenen. Es hätte nie passieren dürfen und es ist dann doch passiert. Warum haben sie das verdammte Atomkraftwerk nicht wie geplant Ende 2022 für immer abgeschaltet? Nun ist der Super – GAU eingetreten, die Kernschmelze hat begonnen. Das Kernkraftwerk Emsland (KKE), nahe Lingen in Niedersachsen gelegen, wird zur tödlichen Bedrohung für hunderttausend, wenn nicht gar Millionen Menschen.

Nie hätte ich geglaubt, in solch einer Situation, so eine Ruhe zu verspüren. Aber es bringt nichts mehr, jetzt in Hektik zu verfallen! Das Volksprogramm sendet Nachrichten in Dauerschleife. Die Bevölkerung wird aufgerufen, baldigst gen Osten zu flüchten. Startklare Flugzeuge warten auf den Flughäfen Osnabrück - Münster, Bremen, Hamburg und Hannover. Alle Züge Richtung Osten sind kostenlos zu nutzen.

Ein Terroranschlag mit zwei Airbusmaschinen, die heute morgen gegen 04. 30 Uhr von London Heathrow aus gestartet waren, hat eine Katastrophe ausgelöst. Beide Maschinen von amerikanischen Fundamentalisten entführt, wurden über das Kernkraftwerk manövriert und dann zum Absturz gebracht. Dabei wurde die Schutzhülle des Atomkraftwerkes massiv zerstört.

Amerika First, oder gar nicht - Jetzt haben wir den Salat! Diese verdammten Sirenen heulen wirklich ununterbrochen. Seit einer Stunde karren Busse in Windeseile Menschenmassen aus der Stadt fort. Vorsorglich wurden schon Jodtabletten verteilt. Der Worst Chase ist eingetreten, der Wahnsinn nicht mehr aufzuhalten. Die Menschheit hatte doch so viele Chancen, aber sie blieben ungenutzt. Harrisburg – Tschernobyl – Fukushima waren deutliche Zeichen gewesen, aber man hatte sie immer wieder falsch interpretiert. Nun also das beschauliche Lingen.

Wieder ein kurzer, aufgeregter Nachrichtenblock aus der Hauptstadt Berlin. Neben Lingen hat es laut bestätigten Meldungen scheinbar auch das Kernkraftwerk Cattenom an der Mosel, nahe der deutschen Grenze gelegen und den Siedewasserreaktor in Leibstadt, in der Schweiz getroffen. Auch in diese beiden Kernkraftwerke waren ingesamt drei Flugzeuge, die man in Rom und Madrid entführt hatte zum Absturz gebracht worden und hatten auch hier die meterdicken Reaktorhüllen zum zerbersten gebracht. Das hatten die meisten renommierten Experten in den letzten Jahren zwar immer wieder für unmöglich gehalten, aber sie hatten wohl in ihren Annahmen, allesamt geirrt.

In drei westeuropäischen Atomkraftwerken hatte ein radiaktives Vernichtungsszenario begonnen, welches unwiederkehrbar war und sich nicht mehr stoppen ließ. Weite Teile Europas würden für die Zukunft unbewohnbar sein. Auch ich würde mich also bald auf die Flucht begeben müssen, aber wohin? Im Radio hatten sie gerade bekannt gegeben, das der amerikanische Präsident Donald Trump, der seine dritte Amtszeit nun fast beendet hatte, jedliche Hilfe und Unterstützung für Westeuropa verweigert hätte. Na klar – Amerika zuerst und dann ganz lange gar nichts mehr!

Würde Bundeskanzlerin Weidel nun den Amerkanern, den Krieg erklären? Die Beziehungen zwischen Westeuropa und den USA waren seit Jahren immer schlechter geworden. Die volksdeutsche Regierung aus AfD, CDU und FDP hatte zudem Sorge dafür getragen, das trotz lautem Protest aus der Bevölkerung, die Laufzeiten der letzten deutschen Kernkraftwerke um bis zu fünfzehn Jahre verlängert worden waren, natürlich auch gegen üppige Parteispenden aus der Wirtschaft. Aber warum sich jetzt noch mit solchen Nebensächlichkeiten befassen?

Flucht, Vertreibung, wohin? Surreale Bilder vor Augen! Waren zweitausend Kilometer Entfernung genug, oder doch lieber fünftausend um den Strahlen zu entfliehen? Zweitausend Kilometer, dort lag Moskau! Gab es da Sicherheit? Würden die Russen überhaupt Menschen aufnehmen?

Die Sirenen verstummten mit einem Mal, Stille! Die meisten Stadtbewohner waren schon fort und hatten sich bereits auf die Odyssee einer langen Reise, mit unbekannten, fragwürdigem Ziel begeben. Alles verloren, weil die Dummheit und Ignoranz der Menschheit so maßlos war?

Ein Polizeiwagen fuhr langsam durch die Straßen. „Achtung, Achtung, kommen Sie zum Sammelplatz an der Herderstraße, dort stehen ab 09. 00 Uhr letzte Busse bereit, die Sie von hier fortbringen werden!“ „Achtung, Achtung nutzen Sie diese letzte Möglichkeit, flliehen Sie! Ein Bleiben bedeutet den sicheren Tod!“ „Achtung, Achtung, fahren Sie bitte nicht mit dem eigenen Fahrzeug. Die Ausfallstraßen und Autobahnen sind nur für Busse, LKW´s und Militärfahrzeuge freigegeben und zugelassen!“

Dann begannen die Sirenen wieder im Dauerton zu heulen, Atomalarm!
Ich bin jetzt dreiundsechzig Jahre alt und mutterseelenallein! Nie hätte ich auch nur im Entferntesten daran gedacht, irgendwann einmal vor so einer beschissenen Situation zu stehen! Nun ist sie da, unvorhersehbar, extrem tödlich, absolut akut.

Mit einem Koffer in der Hand begebe ich mich zum Sammelplatz, dort warten einige Alte, angsterfüllt und lethargisch. Zuerst hat man wohl die Familien und die jüngeren Stadtbewohner weggebracht. Erstaunlich wie organisiert das Ganze doch abgelaufen ist.

Wie sagte Außenministerin Beatrix von Storch erst vor kurzem: „Wir Deutschen sind ein organisiertes Volk, das jede noch so große Misere meistern wird!“ Diese Misere wird niemand mehr meistern…

Ein Land, das seine Asylgesetze von heute auf morgen außer Kraft gesetzt hat, steht verloren da. Ein Land, welches hunderttausend Flüchtinge zurück in den Untergang geschickt hat, wird nun Bittsteller ohne Moral und ist selber der Flüchtling. Ein herzliches Willkommen wird es auf dieser Welt nicht mehr geben. Deutschland scheint am Ende…

Blutrot steht die Sonne da, der Fall Out beginnt. Ein feiner, tränenreicher, schwarzer Regen. Keine Busse, keine Hoffnung! Die Katze miaut im Koffer. Ich lasse sie frei, was soll´s. „Flieht ihr Narren, flieht!“ Ich öffne eine Schnapsflasche, führe sie mit zittrigen Fingern an den Mund, trinke langsam und ausgiebig. Was soll das alles noch? Ich bleibe! Der Tod wird irgendwann eh kommen. Zur Not habe ich im Koffer noch drei Schachtel mit Schlaftabletten. Ich bin so frei!!!

© Hansjürgen Katzer, Oktober 2018



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