Die Insel und die ....


Die Insel und die Hosenträger

Mein Name ist Paula Person, ich bin heute zweiundvierzig Jahre alt und lebe auf einer kleinen Hallig in der Nähe von Nordstrand, in der Nordsee. Ich lebe auf dieser Hallig mit Martin, meinem Mann und unseren Kindern Lisa, Malte und Lena, einem großen Bernhardiner, namens Bootsmann der mittlerweile steinalt und fast bild ist und weiteren sechzehn Nachbarn, die sich als Inselbewohner seit Jahren aufopfernd und fürsorglich umeinander kümmern.

Wir Persons hatten damals einen alten Bauernhof gekauft, um uns hier in der Stille der Insel, mit ein wenig Vieh- und Weidewirtschaft und ein wenig Fremdenverkehr, eine beschauliche, aber sichere Existenz aufzubauen. Es gelang uns alsbald ein wenig Tourismus auf die Insel zu locken

Seit 2006 leben wir auf dieser kleinen Hallig, aber das Jahr 2012 war das Jahr, in dem unsere wirtschaftliche Existenz auf dieser Insel aus den Fugen gerissen wurde und unser aller Leben auf eine harte Probe gestellt wurde. Daran war ein Unfall schuld

Unsere Insel, unsere Hallig hat eine lange Geschichte. Viel Land war während der zweiten Mandränke, der Burchardiflut, einer verheerenden Sturmflut, die in der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober 1634, die Nordseeküste überflutete verloren gegangen. Und nachdem sich die wütenden, tosenden Wogen und der heulende Wind gelegt hatten, war nur wenig von der alten Küstenkante übrig geblieben. So eben, auch unser kleines Eiland, das später mit viel Schweiß und Blut zu dieser Hallig mit ihren Warften verbaut worden war und auf der sich die wenigen Überlebenden, einen kargen Rückzugsort geschaffen hatten, wo sie auf den wenigen Flecken Land eine kümmerliche Viehwirtschaft betreiben konnten und sich zum anderen mit ein wenig Fischfang, das tägliche Brot des Überlebens sichern konnten.

Wir schrieben nun also das Jahr 2012. Wir waren mit dem Umbau unseres Bauernhofes zu einem Ferienhof gut weitergekommen und hatten uns, so neben der Vieh- und Weidewirtschaft, ein zweites vielversprechendes Standbein geschaffen. Montags und Freitags legte das kleine Post- und Versorgungsschiff von Nordstrand aus an der kleinen Hafenmole an, brachte neue Gäste zu uns auf die Insel und nahm die frischerholten Urlauber, die ihre Tage bei uns zumeist sehr genossen hatten wieder mit zurück, um sie ans Festland zu bringen und in den Alltag zu entlassen

Ich war an einem frischen Septembermorgen mit unsereren Traktor, der einem Kettenrechwender zog, auf die Salzwiesen an die Nordseite gefahren, um das letzte Heu für das baldige Pressen vorzuzubereiten. Mein Mann war an diesem Tag mit Reparaturarbeiten in der Scheune beschäftigt, aber Bootsmann, der treue Bernhardiner begleitete mich. Die Arbeit lief anfangs ordentlich und ich kam gut voran.

Ob es dann aus Unachtsamkeit, oder auf Grund eines technischen Fehlers geschah, konnte bis heute nicht geklärt werden. Aber plötzlich machte der Heuwender Geräusche und blockierte. Ich stieg also von Trecker, sah mir den Schaden in meiner technischen Unbedarfheit mißmutig an. In den letzten Tagen hatte die Maschine schon mehrfach ihre perfekte Mitarbeit verweigert und unseren Zeitplan das ein- oder andere Mal durcheinandergebracht. Ich riss hier an einem Gestängre, trat da gegen ein Bleck, schimpfte wie ein Rohrspatz, fluchte wie der Klabautermann und plötzlich setzte sich das stählerne Monstrum in Bewegung und fraß meinen linken Arm. Ich schrie, mir klingt dieser Schrei heute noch in den Ohren, dann verlor ich das Bewusstsein.

Als ich  wieder zu mir kam, war mein Leib gegen die Maschine gepresst und ich wimmerte und stöhnte. Ich rief, erhoffte mir Hilfe. Aber wo sollte die in dieser Situation und Lage herkommen?

Es dauerte eine ganze Weile und ich war mir mittlerweile nicht mehr sicher, das hier zu überleben.  Da hörte ich in der Ferne Bootsmann bellen, bald hatte er mich erreicht und setzte sich winselnd neben mich. Hinter ihm drein lief Bauer Harms hintendrein, den ich jetzt erkannte. Scheinbar hatte ihn Bootsmann zu meiner Errettung geholt. Zumindestens hatte Harms wohl bemerkt, das irgendetwas nicht stimmte. Nun versuchte er mit kalkweißen Gesicht, nach Atem ringend mir zur Hilfe zu kommen. Fassungslos stand Bauer Harms für wenige Sekunden da und beäugte angsterfüllt mein lebensbedrohliches Mißgeschick. Dann aber reagierte er goldrichtig, gab einen Notruf ab und band mirmit seinen Hosenträgern den blutenden Armstumpf ab. Bis zum Eintreffen des Rettungshubschraubers und der Einsatzkräfte blieb er bei mir, tröstete mich, hielt mich wach und erwies sich als Fels in der Brandung.

Es dauerte über zwei Stunden bis man mich aus dem Heuwender befreit hattenund nochmal eineinhalb bis man mich in die Unfallchirugie nach Husum geflogen hatte. Mein linker Arm konnte nicht mehr gerettet werden. Aber ich habe mein Leben behalten, das mir lieb und teuer ist.

Heute komme ich mit meiner mikroprozessgesteuerten Prothese im Alltag gut klar. Ich darf mich auf das Leben freuen, Regen, Wind und Sonne auf meiner Haut genießen. Mich der Liebe meines Meannes hingeben, ihm meine Wärme und Zärtlichkeit schenken und unsere Kinder aufwachsen sehen. Wir haben 2014 noch ein Kind bekommen, unsere Lena. Bauer Harms war selbstverständlich der Taufpate. Seine Hosenträger haben mein Leben gerettet

© Hansjürgen Katzer, September 2020

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